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130 Jahre Kürschner - die Anfänge

1890 veröffentliche der sächsische Lexikograph Joseph Kürschner ein kleines rot-weißes Büchlein mit den Biografien der Abgeordneten des Reichstags und legte damit den Grundstein für Kürschners Volkshandbuch.

Das Jahr 1890 markiert in der deutschen Reichstagsgeschichte eine Zäsur: nicht nur, dass Otto von Bismarck als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident vom Deutschen Kaiser und König von Preußen in Gnaden entlassen wurde, auch das Parlament erfuhr eine Änderung, denn die Sozialdemokraten wurden trotz massiver Verfolgungen durch die Obrigkeit stärkste Partei bei den Reichstagswahlen, sie stellten aber nur 35 der 397 Reichstagsmitglieder. Weniger Beachtung findet, dass für das Parlament zwei Handbücher erschienen. 1887 war zum letzten Mal der Deutsche Parlamentsalmanach von Georg Hirth als Reichstagshandbuch erschienen. Nun, im Frühjahr 1890 übernahm die Parlamentsverwaltung erstmals die Herausgabe eines Amtlichen Reichstagshandbuchs. Daneben gab auch der sächsische Lexikograph Joseph Kürschner ein kleines Büchlein heraus mit den Kurzbiografien der 397 Mitglieder des Reichstags. Anders als das Amtliche Handbuch präsentierte Kürschner seinen Lesern die Abgeordneten mit Bild, sofern er ein solches von den betreffenden Herren erlangen konnte. Sowohl der Reichstag als auch Kürschner begründeten für das deutsche Nationalparlament eine Tradition, die bis in die Gegenwart hinreicht. Mehr noch: seit 1954 erscheinen das Amtliche Handbuch und der „Kürschner“ im selben Verlag.

Joseph Kürschner profitierte mit seinem bebilderten Buch von der Entwicklung der Druckindustrie. Drei Dinge beförderten das Projekt: 1. Die Qualität der Fotografien war so weit, dass man sie drucken konnte; 2. die Drucktechnik war so weit fortgeschritten, dass etliche Verlage seit dem Ende des 19. Jahrhundert Illustrierte herausgaben, Zeitungen mit Bildern und ergänzendem Text; 3. war die Herstellung von Papier preisgünstig geworden. Der Konsument als Käufer konnte sich ein Bild von der Welt machen, denn die Zeitschriften waren für ihn erschwinglich geworden. Für den Reichstag bedeutete das: der Wähler konnte sehen, wie ein Abgeordneter aussah. Der Reichstag sollte in seinem Amtlichen Handbuch erst 1907 Bilder der Abgeordneten präsentieren. Kürschners Taschenbuch über den Reichstag fiel nicht nur durch seine Kleinheit auf, sondern auch durch seine Gestaltung: das Buch war rot-weiß gestreift und ist es bis heute geblieben. Allerdings war nur die preiswerte Variante des Buches gestreift. Es gab eine zweite Ausgabe, die sich inhaltlich nur wenig vom gestreiften Buch unterschied, dafür aber einen anderen Umschlag hatte, ein fester Einband.

Kürschner starb 1902, nicht einmal fünfzig Jahre alt. Zu seinen Lebzeiten war der Mann aus Sachsen äußerst rege. Er bearbeitete zahlreiche Handbücher und Personen-Lexika. So führte er seit 1883 auch „Kürschners Literaturkalender“ ein, der im Literaturbetrieb über Jahrzehnte einfach nur der „Kürschner“ genannt wurde, wie auch sein Parlamentshandbuch im Politikbetrieb einfach „Kürschner“ genannt wird. Für seine Personen—Lexika führte Kürschner eine Neuerung ein: er verschickte an die betreffenden Personen Fragebogen mit der Aufforderung, ihm diese ausgefüllt und leserlich zügig und zeitnah zurückzuschicken. Kürschner veröffentlichte also in seinen Personen-Lexika Informationen, die ihm die betreffende Person zur Verfügung stellte. Für sein Reichstags-Buch bedeutete das, dass jeder gewählte Abgeordnete von Kürschner einen Fragebogen bekam, in dem Lebensläufe und Adressen abgefragt wurden. Auch bat er die Abgeordneten um ein Bild.

Nach seinem Tod spaltete sich das „Kürschner-Imperium“ auf: die jeweiligen Verlage setzten seine Arbeit fort. Im Fall des Reichstags-Buchs war dies Hermann Hillger, der 1887 eine Buchdruckerei und Verlagsgesellschaft gegründet hatte. 1894 gründete er den Hermann Hillger Verlag, der 1903, ein Jahr nach Kürschners Tod, das Reichstags-Buch fortsetzte, wobei die eigentliche Arbeit der damals 25jährige Arthur Blaustein machte, der 1902 promoviert wurde. Blaustein war nicht minder rege als Kürschner oder Hillger, er blieb dem Verleger über Jahre verbunden. Mit dem Ende des Kaiserreichs blieben Hillger und Blaustein dem Parlamentarismus treu und gaben 1919 das Handbuch für die verfassunggebende deutsche Nationalversammlung heraus, ab 1920 folgten für verschiedene Wahlperioden des Reichstags der Weimarer Republik Parlaments-Bücher. Das letzte Buch, rot-weiß gestreift im Taschenbuch-Format, erschien im Frühjahr 1933. Für zwanzig Jahre sollte es das letzte Reichstags-Handbuch im Taschenbuch-Format sein. Der Parlamentarismus in Deutschland war gescheitert. Das Amtliche Handbuch des Reichstags, herausgegeben von Ernst Kienast, erschien allerdings auch im „Dritten Reich“, zuletzt noch in einer Neuauflage zur Jahreswende 1943/44. Die drei handelnden Personen sollten die zwölf Jahre der Diktatur nicht überleben. Arthur Blaustein wurde seit 1933 als Jude verfolgt und nahm sich 1942 nach dem Tod seiner katholischen Ehefrau das Leben. Sein Chef Hermann Hillger schied beim Einmarsch der Russen in Berlin 1945 freiwillig mit seiner Frau aus dem Leben: er war von 1925 bis 1932 Mitglied des Preußischen Landtags für die Deutschnationale Volkspartei gewesen. Ernst Kienast überlebte die Befreiung Berlins im Frühjahr 1945 ebenfalls nicht.

Der erste Kürschner von 1890 war sehr klein: 4,8 mal 7,4 cm beträgt das Format des Nachschlagewerks. Am Anfang des Buches steht das Geleitwort. Die Notwendigkeit des Buches wird mit der fortschreitenden Einigung des Reichs und der erheblich gestiegenen Wahlbeteiligung begründet. Kürschner erklärt sehr anschaulich seine Arbeitsweise, die Mühen bei der Beschaffung der Biografien und den Zeitdruck. Besonders die Bilder waren ein Problem: tatsächlich gab es Abgeordnete, die sich weigerten, eine Fotografie von sich anfertigen zu lassen. Im „Allgemeinen Teil“ finden sich verschiedene Statistiken zum Reichstag, so die Verteilung der Mandate nach Bundestaaten und schließlich nach Parteien. Es folgt eine statistische Übersicht über die Fraktionen seit 1867, eine sehr genaue Berufsstatistik, eine Zählung der Adeligen (126 Personen), eine Aufgliederung nach den Geburtsjahren, ein Auszug aus der Reichsverfassung, das Wahlgesetz von 1869 und die Geschäftsordnung des Reichstags. Endlich folgten die Biografien der Abgeordneten, wobei jeder Abgeordnete eine Seite bekam; in den meisten Fällen waren Bilder vorhanden. Der Clou war die Reihung der Abgeordneten: die Reichstagsmitglieder wurden nicht alphabetisch aufgeführt, sondern nach Wahlkreisen, beginnend mit dem Wahlkreis Memel im Regierungsbezirk Königsberg, dessen Vertreter der Alterspräsident Generalfeldmarschall Dr. h.c. Graf von Moltke war, bis zum 397. Wahlkreis, Saarburg im Reichsland Elsass-Lothringen, vertreten durch den katholischen Erzpriester Küchly. Zuletzt bot der erste Kürschner eine Übersicht über die Fraktionen und Parteien, allerdings ohne die Vorsitzenden zu benennen, und ein alphabetisches Register der Reichstagsmitglieder. Die Anordnung der Biografien wurde übrigens bis 1972 so beibehalten.

1903, ein Jahr nach Kürschners plötzlichem Tod, hatte Hermann Hillger als Verleger den „Kürschner“ übernommen, die Arbeit, er erwähnt es selbst im Vorwort, lag bei Dr. Arthur Blaustein. Das Format wurde den Wünschen der Leserschaft entsprechend vergrößert wie auch die Porträts der Abgeordneten etwas größer erscheinen. Für jeden Wahlkreis wurde von nun an bis zum Ende des kaiserlichen Reichstags eine Übersicht gegeben, welche Partei den Wahlkreis seit 1867 bzw. 1868 oder eben 1874 vertrat; Statistik und Parlamentsgeschichte wurden für die Benutzer zunehmend bedeutender.

Fortgeschrieben wurde die Kürschner-Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg in Darmstadt, wo der Berliner Verleger Adolf Holzapfel die Neue Darmstädter Verlagsanstalt gründete. Im Gepäck hatte er die Verlagsrechte an Kürschners Volkshandbuch. Und so geht es nach 130 Jahren beim „Kürschner“ mit seinen Parlamentshandbüchern immer noch um Informationen über Abgeordnete und ihre Kontaktdaten.

Norbert Korfmacher

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Geburtsdatum: 23.02.1998
Geburtsort: Frederiksberg C